Eine kleine Geschichte zum Advent: Der Zauber des Bouleplatzes

Marcel schiebt mit Kraft das rostige Tor quietschend zur Seite. Er ist schon dreizehn Jahre alt. Der schlaksige Junge presst sich durch den schmalen Spalt und läuft auf den großen Ascheplatz. Jeder Schritt auf dem körnigen Boden hört sich an wie ein Stapfen in frisch gefallenem Schnee. Dabei ist es erst Ende September und noch spürt er die wärmende Sonne auf seiner Haut.

Vom Frühjahr bis in den Spätsommer hinein kommt Marcel mit erstaunlicher Regelmäßigkeit an jedem Sonntagnachmittag auf diesen Platz. Regungslos blickt er über das Spielfeld. Vor seinen Augen sieht er Männer und Frauen die wilde Bewegungen machen, oft in kleinen Gruppen beratend um einen Haufen blitzender Stahlkugeln stehend. Und noch viel häufiger hoch konzentriert mit einer Kugel in der Hand in einem Kreis verharrend.

Dazwischen sieht er seinen Vater. Er hört sein Lachen, dass lauter ist als das rege Treiben auf dem Bouleplatz. Beide Füße fest im Kreis, der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Marcel beobachtet, wie sein Vater eine Kugel in unendlicher Entfernung mit selbstbewusstem Blick fixiert. Den rechten Arm gerade, elegant und mutig nach hinten schwingend, geht der Bogen mit vertrauter Bewegung schnell wieder zurück. Das verschmitzte Lächeln im Gesicht seines Vaters ist gut zu erkennen und im gleichen Moment öffnet er seine Hand. Die Kugel zeichnet eine perfekte Parabel in der Luft und trifft den gegnerischen Stahl mit voller Wucht und lautem Knall. Das war vor zwei Jahren, als sein Vater noch da war.

Marcel sitzt mit seiner kleinen Schwester Denise am großen runden Tisch im Wohnzimmer. Es ist der dritte Advent. Draußen fällt Schnee. Im Ofen knistert Holz und das warme Licht der Flammen erfasst den ganzen Raum.

„Bitte…zeichne mir eine Kugel!“, sagt Denise zu ihrem Bruder.

Er schaut seine Schwester kurz an und zeichnet zufrieden die schönste Kugel, die er je gezeichnet hat.

„Danke!“, flüstert Denise ihm zu.

Autor: Mark Schubert/ Bilder: Zoé Schubert

Eine kleine Weihnachtsgeschichte und Hommage an Antoine de Saint-Exupéry, der das schönste und wichtigste Buch unserer Zeit für Kinder und Erwachsene geschrieben hat: Der kleine Prinz.

„Alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich daran).“

Antoine de Saint-Exupéry aus „Der kleine Prinz“

Kommentar

  1. Avatar von Karl-Heinz Henze

    Sehr sehr schöne Geschichte zum Advent! Klasse Zoe und Mark!!

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