Macht Boule spielen glücklich? Eine heiße Spur zur Beantwortung dieser Frage könnten uns die „21. Essen Boule Ouvert“ mitten im Ruhrpott liefern. Micha brachte die Kugel ins Rollen und fragte, ob wir nicht gemeinsam bei diesem offenen Boule Turnier starten sollen.

Essen? Ruhrpott? Ob das etwas für diese schnöseligen Münsteraner sein kann? Die Bilder im Kopf waren sofort da! In einer dreckigen, luftverschmutzten und zubetonierten Stadt werden wir auf dem Gelände einer renaturierten Industriebrache Pétanque spielen. Verkrüppelte Bäume säumen vereinzelt die staubige Spielfläche, riesige Schornsteine ragen rund herum in die Höhe und unfreundliche Zeitgenossen rauben uns den letzten Spielnerv.
Nach knapp über einer Stunde Autofahrt erreichen wir Samstagmorgen unser Ziel. Im Herzen der Stadt, zwischen Hohenzollernstraße und Brunnenstraße ist er dann. So sieht er also aus, der Central Park Essen. Unmittelbar an der Philharmonie gelegen. Wir schlendern durch einen schönen Park, vorbei an einer mächtigen Blutbuche zum Bouleplatz, der an der Ecke Hohenzollernstraße liegt. Der Park beeindruckt durch weitläufige Flächen und seine große Baumvielfalt. Gepflegte Spiel- und Rasenflächen wechseln sich ab und in der Mitte ein herrlicher Teich mit Wasserspiel, einer Fontäne, die den Strahl meterhoch in die Luft schießen lässt. Funktionierende Brunnen, geschweige denn Wasserspiele, kennen wir in Münster gar nicht mehr, kommt mir spontan in den Sinn. Dieser Park ist eine Oase im Mittelpunkt der Stadt. Auch ganz ohne das Pétanque-Spiel lohnt es sich, hier zu verweilen. Erholung ist hier Programm.
Wir kommen im Turnier-Bereich an. Eine von großen Linden gesäumte Allee, der Boden mit feinem Kies bedeckt, mit Wellen und Unebenheiten stellen äußerst abwechslungsreiche und attraktive Spielflächen dar.




Nach der Einschreibung spielen wir uns in dieser wunderbaren Atmosphäre auf verschiedenen Plätzen warm. Dann der Anpfiff, die Anspannung steigt. Welchen Gegner soll uns das Los zuspielen? Wir treffen auf Marinko und Marcel, die schnell zu unseren Lehrmeistern werden. Für die Beiden ist es ein Heimspiel, denn sie gehören zum lokalen Boule-Verein im Stadtgarten. Tja, hier gibt es nichts schön zu reden. Marinko legt sauber und souverän, Marcel räumt mit unglaublicher Präzision unsere guten Kugeln weg. Das Resultat nach 25 Minuten Spielzeit: 13:0 für die sympathischen Lokalmatadore aus Essen. Danke für dieses Lehrstück!
Nach dieser gravierenden Niederlage bauen wir uns gegenseitig auf und treffen im zweiten Spiel auf Antje und Harry aus Paderborn. Anfänglich geht es Punkt um Punkt voran, das Spiel ist sehr ausgeglichen, beinahe zäh. Die Zwei vom Pétanque-Klub „KäsKöhSäh“ in Paderborn sind uns auf Anhieb sympathisch. Nach den ersten fünf Aufnahmen kommt unser Durchbruch und wir können viele Punkte machen, so dass es am Ende 13:3 für uns ausgeht. Nach dem Spiel unterhalten wir uns noch eine Zeit lang. Antje kennt Münster, spielt Theater. Ich wusste sofort, ein wunderbarer, kreativer Mensch. Von der Seite beobachtet ein Mann, der auf der Wiese sitzt, unser Spiel. Es geht ihm nicht gut, das ist nicht zu übersehen. Harry zögert keinen Moment, sich neben ihn zu setzen und mit ihm zu sprechen, auch über das Spiel zu fachsimpeln. Da ist sie, Menschlichkeit pur. Einfach ein paar Worte.



Wir haben Aufwind. Der Sieg tut uns gut und hoffnungsvoll blicken wir auf Partie Nummer drei. Und es kam, wie es kommen musste. Erneut treffen wir auf zwei Spieler aus Essen. Heimspiel für Thomas und Thomas. Die spielerische Leistung ist auf hohem Niveau. Fast alle Kugeln laufen ans Schweinchen und werden mit großer Präzision schnell wieder entfernt. Nervenkitzel pur! Wir halten mit, es geht um alles. Sieg oder Niederlage bedeuten jetzt weitermachen, im Turnier bleiben oder K.O. und aus die Maus! Kurzzeitig gehen wir in Führung, geben sie schnell wieder ab, bleiben aber dran! Es ist eine harte, umkämpfte Partie und am Ende müssen wir uns mit 13:10 Punkten geschlagen geben. Das Spiel empfinden wir nicht als Niederlage. Hier ist sie, diese unnachahmliche Art der Menschen aus dem Pott. „Ey, ihr spielt aber noch nicht so lang, oder? Nein, nur seit 35 Jahren“. Herzlich, aber sehr direkt. Nicht böse, aber völlig ohne Umschweife und Schnörkel. Hier wird nichts durch die Blume gesagt und ist trotzdem liebenswert. Wir erfahren, dass Tommy und Thomas bereits Geschichte in der Boule-Szene geschrieben haben – zwei Top-Player. Die Partie war ein Knüller.

Für uns gehen die „21. Essen Boule Ouvert“ an dieser Stelle zu Ende. Was wir mitnehmen? Ein großartiges Turnier im wunderschönen Stadtgarten von Essen, herzlich direkte Menschen im Ruhrpott, großartige Begegnungen und die feste Überzeugung, dass Boule spielen glücklich macht!
Autor: Mark Schubert – SCG

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